Dienstag, 16. Oktober 2012

ERST ÜBERZEUGEND, DANN BLAMABEL

BERLIN - Die deutsche Nationalmannschaft sieht zuerst auch gegen die schwachen Schweden wie der souveräne Sieger aus. Der Gegner ist erst wiedermal kein Maßstab für schwierigere Aufgaben. Zu Ende plötzlich der Ausgleich. Es zeigt sich, warum die Stimmung im Team gedämpft ist und Kapitän Bastian Schweinsteiger ermahnte, dass einige ihre Interessen nicht nur der Mannschaft unterordnen.


















Bayerns Thomas Müller stand schon in der ersten Minute kurz vor dem 1:0 (1.).

Nach dem schnellen Führungstor und dem gleich anschließenden Zwei-Tore-Vorsprung, herausgeschossen vom neuen Bomber der Nation Miroslav Klose, konnte der Zuschauer sich etwas unter der Kritik Schweinsteigers vor den beiden WM-Qualifikationsspielen vorstellen. Viele Egoismen kamen zum Vorschein, etwas arrogant wurde mit Hacke und Spitze gespielt. Das aggressive Pressing der ersten Minuten sowie das energische Nachsetzen wurde nicht mehr mit absolutem Eifer praktiziert. Eine Deklassierung Schwedens, wie sie gegen Irland zu sehen war, wurde für das bessere Aussehen des Einzelnen billigend in Kauf genommen. Gegen die Skandinavier, die mit erhöhtem Respekt und wohl auch einer gehörigen Portion Angst wegen des schwachen Auftritts gegen die kleinen Faröer-Inseln antraten, reichte die individuelle Klasse trotzdem mehr als aus. Ernüchternd das Ergebnis. Es bleibt die Frage, wie sich solche Nachlässigkeiten gegen selbstbewusste Mannschaften ausschlagen werden.
Es scheint als habe Joachim Löw nicht mehr die Autorität früherer Tage, einige Spieler nutzen die Bildfläche der Nationalmannschaft zur besseren Vermarktung, trotzdessen auf der Bank Qualität in Masse sitzt. Einige Spieler können sich diese Egoismen anscheinend leisten. Bei Löw haben sie einen hohen Kredit. Dabei ist es offensichtlich, dass die Spieler nur als Teamspieler funktionieren. Mesut Özil lebt durch die filigranen Pässe in die Spitze, versteht es bestens seine Mitspieler mit, wie Fernsehexperte Scholl es ausdrücken würde, „temperierten Zuspielen“ richtig einzusetzen. In seinen Aktionen der ersten Halbzeit hat sich der Spielverlauf schon früh angekündigt. Trotz eines unglaublichen 4:0 Vorsprungs durch weitere Tore von Abwehrspieler Mertesacker und Özil höchst selbst. Auf einmal der Bruch. Auch wenn beim Anschlusstreffer noch die Weltklasse Ibrahimović sichtbar wurde, waren scheinbar ein paar Spieler in Gedanken schon bei ihren Vereinen und den kommenden wichtigen Spielen in den nationalen Ligen als auch der Champions League. Toni Kroos meinte, dass das Spiel auf einmal „zu einfach wurde“. Tatsächlich wurde es schleppend und langsam. Der Schalter konnte nicht mehr umgelegt werden. Zweikämpfe wurden nicht mehr angenommen. In der Nachspielzeit fällt der Ausgleich und keiner weiß so wirklich warum. Es war das erste Mal in der Geschichte der deutschen Nationalmannschaft, dass ein Vier-Tore-Vorsprung noch verspielt wurde.
Da freut es alleine, dass die Teamspieler, jene die sich immer der Mannschaft unterordnen, die Tore schossen. Klose und Mertesacker sind nun wahrlich nicht dafür bekannt offensiv einzelgängerisch aufzutreten. Mehmet Scholl analysierte dann auch den einzigen positiven Effekt des Spiels: Es war definitiv ein Fingerzeig gegenüber der arroganten Spielweise der deutschen Mannschaft. In Zukunft wird Löw wohl mehr Argumente auf seiner Seite haben, seine Schützlinge dazu aufzufordern, nicht nur teilweise, sondern auch über 90 Minuten Fußball zu spielen und Einsatz zu zeigen. Tatsächlich möchte er das Spiel „für alle Zeiten mitnehmen“. Ein scheinbar ironisch, aber ernstgemeinter Kommentar des Bundestrainers.







Rasmus Elm freut sich über seins und Schwedens spätes 4:4 (92.). Philipp Lahm ist konsterniert. 
Text: Frederic Zauels, Fotos: dpa

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen