Samstag, 20. Oktober 2012

KLOPPS SYSTEMABSTURZ

DORTMUND - Alles war angerichtet. Das 141. Revierderby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 sollte für den BVB nach zuletzt vielen liegen gelassenen Punkten die Distanz zu den scheinbar übermächtigen Münchenern nicht noch größer werden lassen. Für die Gelsenkirchener ging es darum endlich einmal gegen einen Topgegner zu bestehen.


Jürgen Klopp schaut angestrengt: Seine taktischen Ideen gingen nicht auf. (FOTO: AFP)

„Einfach kann jeder“, hatte Klopp vor dem Spiel gesagt und damit ungeahnt ein Verweis auf die seltenen taktischen Experimente seinerseits, einer Systemumstellung, geliefert. Die wieder in Mode gekommene Dreierkette, gespielt nicht nur von der italienischen Nationalmannschaft sondern teilweise auch vom FC Barcelona war die Reaktion auf die Ausfälle der vier Nationalspieler und Stammspieler des BVB Ilkay Gündogan, Marcel Schmelzer, Mario Götze und Jakub Blaszczykowski . Daneben bekleideten sieben Spieler eine neue Position. Jürgen Klopp stellte radikal um. Für einige seiner Schützlinge war einfach daraufhin auch schwer, zu schwer. Dabei waren die Umstellungen nicht nur Ursache der vielen Verletzten sondern auch eine Anpassung an die Spielweise des Gegners. Die extrem auffälligen Flügelspieler Farfán und Affelay sollten getrippelt werden. Auf der linken Seite übernahmen die Aufgaben im Verbund Mats Hummels, der außenbahnbesetzende Großkreutz und im linken defensiven Mittelfeld Kapitän Sebastian Kehl. Auf der Gegenseite spielten Subotic, Piszczcek und Leitner.

Um es vorweg zu nehmen: Die Maßnahme scheiterte. Gerade Affelay, der das erste Tor Schalkes auf Vorarbeit von Farfán per Direktabnahme erzielte brachte eine überzeugende Vorstellung im ausverkauften Signal-Iduna-Park und scheint endgültig angekommen. Die Dortmunder indes irrten umher. Trainer Klopp versuchte wild gestikulierend von außen einzuwirken. Rief immer wieder Spieler zu sich, um ihnen Anweisungen mitzuteilen. Vor allem der junge Leitner irrte mehrfach im Mittelfeld umher und wusste auch beim Gegentor nicht richtig zu stehen. Die dem BVB sehr nahe stehenden Ruhrnachrichten schrieben gar, dass Dortmund wie eine F-Jugendmannschaft wirkte, die wie eine Horde aufgescheuchter Hühner dem Ball nachjagte. Durch die zahlreichen Ausfälle durfte der größte Fan des BVB, Kevin Großkreutz so auch mal wieder mitspielen, stieß aber bei der Aufgabe gleich die ganze linke Außenbahn zu bearbeiten an seine Leistungsgrenze. So blieb auch die Offensive blass. Der sich in bestechender Form befindende Marco Reus als zweite Spitze neben dem Polen Robert Lewandowski fand ebenso keine Bindung zum Spiel wie sein Partner. Klopp raubte seiner Mannschaft dadurch ihre Stärken im Umschaltspiel.

Die meisten Spieler scheiterten an Klopps Systemaufgabe. Es wusste niemand zu überzeugen. Anders wie etwa Joachim Löw bei der Nationalmannschaft versuchte Klopp deshalb schon innerhalb der Halbzeit die Spielweise zu ändern. In der dreizigsten Minute wurde die Dreier- zur gewohnten Viererkette umfunktioniert. Mit der Einwechslung Schiebers in der 52. Minute wurde zum 4-2-3-1 umgeschaltet. Dafür mussten wieder einige Spieler ihre Positionen wechseln. Sven Bender tat dies in einem Spiel alleine dreimal (!). Aus dem Spiel heraus lief deshalb wenig. Symptomatisch fiel der Anschlusstreffer durch Lewandowski auch nach einer Standardsituation.

Die vielen taktischen Neuerungen sowie zahlreichen Positionswechsel mögen für die Spieler eine gute Ausrede sein, die schwache Leistung zu erklären. Jürgen Klopp stellte sich auch demonstrativ vor seine Mannschaft und nahm die Schuld gerne auf sich. Trotzdem erreichten einige aus seiner Mannschaft an diesem Tag keine Normalform. Es schien gar, als ob die Spieler seinen Worten „wir müssen das Spiel wie jedes Andere angehen, sonst besteht die Gefahr, dass wir überdrehen“ Taten folgen ließ und mit angezogener Handbremse spielten.

Für die Dortmunder, die jetzt bereits 12 Punkte hinter dem FC Bayern liegen, gilt es, am Mittwochabend in der Champions League gegen Real Madrid Wiedergutmachung zu betreiben. Gegen die Mannschaft von José Mourinho um die ehemaligen Bundesligaspieler Sami Khedira und Mesut Özil kann Klopp wahrscheinlich auch wieder mit deren verletzten Teamkollegen aus der deutschen Nationalmannschaft planen. Dann wird man vermutlich keine taktischen Experimente erwarten dürfen. Es sollte der vor allem durch ihre Homogenität und dem einstudierten Pressing überzeugenden Borussia gut tun.

Ibrahim Affelay erzielt das 1:0 (11. Minute) per Direktabnahme. BVB Außenverteidiger Piszczek kann den Einschlag nicht mehr verhindern. (FOTO: REUTERS)


TEXT: FREDERIC ZAUELS, FOTOS: via SpiegelOnline

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