Sonntag, 28. Oktober 2012

MIT RUHE UND AGGRESSIVITÄT

MÜNCHEN - Bayer Leverkusen tritt diese Saison auf der Stelle. Grandiosen Leistungen folgten ernüchternde Unentschieden und daraus resultierend teilweise fahrlässig aus der Hand gegebene Punkte im Kampf um die internationalen Plätze. Das 2:1 in München ist aber mehr als ein Achtungserfolg, ein Ausrufezeichen. Die Bayern hingegen verlieren das erste Mal in dieser Saison.
















Bastian Schweinsteiger konnte heute ebenso wenig überzeugen wie seine Teamkollegen. Für die Münchener war es die erste Pflichtspielniederlage der Saison.


Sami Hyypiä kommt nicht nur aus dem kühlen Norden Finnlands, er verkörpert diese Lebenseinstellung auch. Dank des ehemals Weltklasse-Verteidigers aus Liverpool und neuem Bayer-Trainer ist Ruhe in das hektische Leverkusener Umfeld eingekehrt. Man hätte fast schon anmerken dürfen, dass es still ist, in und um die Bayarena. Der kritische Rudi Völler gab sich ruhiger. Vorstandsboss Holzhäuser schimpfte ebenfalls nicht mehr so häufig, jedenfalls öffentlich, nach trostlosen Auftritten. Vieles war bisher weder Fisch, noch Fleisch. Die Zurückhaltung Völlers und Holzhäusers ist aber auch eine Anerkennung an die Trainer. Hyypiä und seinem Trainerpartner Sascha Lewandowski wird eher zugetraut, die junge Mannschaft zu motivieren und richtig einzustellen, als deren Vorgängern. Nach dem ersten Sieg nach über 23 Jahren in München, könnte die Aufmerksamkeit in Leverkusen nun natürlich wieder steigen. Schließlich besiegte Leverkusen so die scheinbar unbesiegbaren Münchener auch erstmals in dieser Saison.
Dafür wählte das Trainer-Duo nicht nur die richtige Taktik aus, sondern verstand es auch, der Mannschaft die nötige Mischung aus Aggressivität und Ruhe mit auf den Weg zu geben. Leverkusens Lars Bender gab vor dem Spiel die Richtung vor. Es solle alles andere als ein „blutleerer Auftritt“ werden. Genügend Selbstvertrauen sollte nach dem glanzvollen 4:0 bei Rapid Wien in der Europaleague vorhanden sein und die Mannschaftskollegen hatten ihn anscheinend auch richtig verstanden. Vor allem das kompakte Zentrum, bestehend aus dem eher defensiv ausgerichteten Sebastian Reinartz sowie Simon Rolfes und ebenjener Bender verstanden es, die Bewegungsradien von Kroos und Schweinsteiger einzudämmen. Im Normalfall herrschte Überzahl zugunsten der Rheinländer in der Mitte, sodass diese Stärke den Bayern genommen wurde. Zwar müssen sich einige Spieler in Teilen der ersten Hälfte wie die Dortmunder oder Freiburger gestern auf Schnee vorgekommen seien, da die Passstatistik ähnlich negativ ausfiel (im Durchschnitt wechselte der Ballbesitzt nach drei Leverkusener Pässen). Diese Not aber wurde durch eine positive Zweikampfbilanz ausgemerzt. Mit der notwendigen Aggressivität gingen die Leverkusener in die Zweikämpfe. Mit der nötigen Ruhe am Ball wurde auch ab und an von hinten heraus- und Konter ausgespielt. Sodass die Statistik der Werkself in der ersten Halbzeit auch als effektiv beschrieben werden kann: Kießling erzielte kurz vor der Pause nach schöner Vorarbeit des stark aufspielenden Nationalspielers Schürrle das 1:0 (40.) mit dem ersten Torschuss der Leverkusener, während die Münchener sich bereits achtmal versuchten.
In der zweiten Halbzeit stellte Bayern-Trainer Heynckes um. Neuzugang Xherdan Shaqiri sollte die linke Offensive gemeinsam mit David Alaba beleben. In der Schlussphase kam es zu wütenden Angriffen. Doch die Leverkusener Hintermannschaft hatte heute die Ruhe, die Hyypiä ausstrahlt. Kaum einmal stand der Finne von seiner Trainerbank auf, während Kollege Lewandowski hin und wieder alle dreißig Sekunden sich an der Seitenlinie lautstark bemerkbar machte. Die Mischung aus Ruhe und Aggressivität war ansteckend. Auch nach dem Ausgleich von Mario Mandzukic (79.), vorbereitet vom spät eingewechselten, aber sehr agilem Pizarro, das bereits 10. Saisontor des Münchener Neueinkaufs, verfolgte die Mannschaft weiterhin die Vorgaben der Trainer. Es zahlte sich aus. Sidney Sam köpfte nach einer Flanke Castros Boateng so an, dass der Ball den Weg in die linke Torecke fand. Dass es in der Schlussphase nochmals ein wenig hektisch wurde, sollte für die Spieler und Verantwortlichen von Bayer 04 jedoch nur ein kleiner Prolog für die kommende Woche sein.
Bayern München – Bayer Leverkusen 1:2 (0:1) 0:1 Kießling (42.)
1:1 Mandzukic (78.)
1:2 Boateng (87., Eigentor)
München: Neuer – Lahm, Boateng, Dante, Badstuber (46. Shaqiri) – Luiz Gustavo (59. Robben), Schweinsteiger (74. Pizarro) – Thomas Müller, Toni Kroos, Alaba – Mandzukic
Leverkusen: Leno – Carvajal, Wollscheid, Toprak, Hosogai – Reinartz – Lars Bender, Rolfes – Castro (90. Manuel Friedrich), Schürrle (84. Hegeler) – Kießling (84. Sam
Schiedsrichter: Meyer (Burgdorf)
Zuschauer: 71.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Dante (2), Mandzukic, Shaqiri – Carvajal (3)













Boateng (l.) ahnt bereits von seinem Eigentor, während Sidney Sam (r.) noch nicht sehen kann, dass der Ball im Tor landet. 
TEXT: Frederic Zauels, FOTOS: DPA via Spiegel-Online

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