Mittwoch, 31. Oktober 2012

NOCH NICHT ANGEKOMMEN

MÜNCHEN - Bayerns neuer Großeinkauf hat einen Namen: Javier Martínez. Der spanische Nationalspieler braucht aber noch Anlaufzeit. Bisher konnte der als neuer Partner Schweinsteigers auserkorene Mittelfeldspieler nicht überzeugen. Doch Bayerntrainer Jupp Heynckes lässt ihm Zeit.





Martínez (l.) und Schweinsteiger (r.) sollen das neue Traumduo der Münchener werden. 

Martínez ist mit einem schweren Koffer im Gepäck nach München gekommen. Einem Koffer, 
den er tags zuvor noch zum spanischen Ligaverband (BBVA) brachte, gefüllt mit 40 Millionen Euro. Genau diese Summe kostete es den FC Bayern, ihn von seinem ehemaligen Klub Athletic Bilbao freizukaufen. Zwar wird Martínez sicher nicht mit Geldscheinen, sondern einem in dieser Höhe ausgestellten Check den spanischen Ligaoffiziellen entgegen getreten sein, doch scheint sein Start beim wütenden Vizemeister ähnlich schwer, wie seine Ablösesumme. In der Bundesliga absolvierte er erst zwei Spiele von Beginn an. In der Champions League zählte er hingegen jedes Mal zur Stammformation, wusste aber bei der Niederlage im weißrussischen Borisov ebenso zu enttäuschen wie in der ersten Halbzeit gegen Lille. Das Zusammenspiel mit seinen Mitspielern muss noch verfeinert werden. An das Tempo eines Spitzenteams ist der achtmalige Nationalspieler noch nicht gewöhnt.

Javi Martínez ist ein aufgeschlossener, freundlicher Spieler. Er kommuniziert gerne mit seinen Nebenleuten, auch den Journalisten. Heynckes beschreibt ihn als "bodenständig und ehrgeizig". Er lernt vor dem ersten Training bei den Münchener alle Vornamen der Lizenzspieler und beginnt bereits mit 17 Jahren im Profigeschäft Fuß zu fassen. Erst im Kader des baskischen Clubs Osasuna, aus dessen Jugend und Gegend er stammt sowie später beim Nachbarn aus Bilbao, macht der vielseitige und robuste Spieler insgesamt 250 Erstligaspiele. Erfahrung, die er durch seine Ruhe am Ball ausstrahlt. Er ist ein prädestinierter Defensivallrounder. Seine Fähigkeiten im Zweikampf und seine Körpergröße von 1,90 Meter lassen es ihm zu, im Defensivverbund alle Positionen bekleiden zu können. Er ist der Balancespieler, der die bayrische Defensive mit der Offensive zusammen halten soll. Ein intelligenter Taktgeber, der das Tempo variieren kann, zu dessen Stärken aber nicht unbedingt das Vertikalspiel gehören.   

Mit viel Vorschusslorbeeren kam Martínez also zu den Münchenern: „Er kann unser Mittelfeld auf eine neue Ebene heben“, ergänzte Heynckes die Perspektiven des 40-Millionen-Mannes, ohne ihm dabei eine Stammplatzgarantie auszusprechen. Dabei versprechen sich die Verantwortlichen des FC Bayern viel von ihm: Nämlich nicht nur die Rolle des Schweinsteiger-Partners auszufüllen, sondern auch den zuletzt verletzungsanfälligen Nationalspieler adäquat ersetzen zu können. Ein Makel, dass den Münchenern letzte Saison anhaftete. Noch hat ihm der zweikampfstarke Luiz Gustavo diesen Rang abgelaufen. Noch blieb er von kritischen Fragen verschont, weil die Bayern eine bislang sehr erfolgreiche Saison spielen. Die Zeit aber drängt, auch wenn Heynckes weiß, warum es beim Basken noch nicht rund läuft. Martínez „habe eine schwere Saison vollbracht“, meint der Bayern-Trainer. Er hat das Europa-League-Finale gespielt, ist mit Spanien Europameister geworden, hatte kaum Urlaub und stoß wegen des Wechseltheaters mit seinem Ex-Klub Athletic Bilbao erst verspätet zur Mannschaft. Alles Gründe, die plausibel sind und seine Anpassungsschwierigkeiten erklären, sich aber auf seine physischen Stärken beschränken.

Heute im Pokalspiel gegen Kaiserslautern wird Martínez voraussichtlich wieder zum Stammpersonal gehören. Hierbei muss er sicher nicht seine Klasse unter Beweis stellen. Vielmehr kommt es darauf an, den Rhythmus zu finden und Spielpraxis für die kommenden schweren und zahlreichen Aufgaben zu sammeln. Das auch er, den schwarzen November 2011 der Bayern, als man in der Bundesliga gegen Dortmund und Mainz unterlag, verhindern mag. Denn genau dafür haben ihn die Münchener verpflichtet. Heynckes erwartet deswegen auch in dieser Phase der Saison endlich einen Martínez in Topverfassung: „Wir brauchen Alternativen im defensiven Mittelfeld, vor allen Dingen, wenn wir permanent Mittwoch, Samstag, spielen.“ 

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