Donnerstag, 8. November 2012

DER ALTE WEG

MÖNCHENGLADBACH - Lucien Favre ist genervt. Er lamentiert, fuchtelt mit den Armen, zeigt den Schiedsrichtern die Brille. All diese exzentrischen Handlungen kennt man von dem sonst so besonnenem Schweizer eigentlich nicht. Doch diese Saison, so hat Favre schon im Vorfeld mehrfach betont, ist auch für den erfahrenen Trainer kein Alltag sondern eher Ausnahmesituation.
Gladbachs Juan Arango ist bisher einer der wenigen überzeugenden Borussen in dieser Saison. (Foto: dpa)
Borussia Mönchengladbach hat eine berauschende Saison hinter sich. Nachdem ein Jahr zuvor noch der Abstieg verhindert wurde, sicherte sich die junge Mannschaft den vierten Platz, der zur Qualifikation an der Champions-League berechtigt. Die Fans waren entzückt und fühlten sich an die erfolgreichen 70er Jahre mit den heutigen Legenden Netzer, Overath und Vogts erinnert. In ihre Fußstapfen traten nicht nur in fußballerischer Hinsicht Marco Reus, Roman Neustädter und der Brasilianer Dante. Denn auch ihr Abgang wiegt ähnlich schwer, wie der der damaligen Gladbacher Ikonen. Favre sprach von dem Verlust einer „Achse“. Jedoch nicht irgendeiner, sondern der Selben wie beim Weltklub Barcelona: „Das ist dasselbe, als wenn Pique, Xavi und Messi Barcelona verlassen würden.“ Eine Aussage, die nicht nur den Druck von der Mannschaft nehmen soll. Tatsächlich schnitt Favre sein System auf diese Spieler zu. Marco Reus sorgte mit seinen überraschenden und schnellen Dribblings für die kreativen, inspirierenden Momente in einem auf Sicherheit bedachten Spiel, während Neustädter und Dante wegen ihrer spielerischen Klasse den Aufbau übernahmen und defensivtaktisch klug verschoben.

Die sportliche Leitung war also vor der Saison gezwungen, einen Neustart einzuleiten. Der Kader musste mit neuer, auch individueller Qualität gefüllt -, die abgegebenen Spieler ersetzt werden. Es scheint daher kein Zufall, dass mit Álvaro Domínguez (23) und Granit Xhaka (20) zwei junge Talente für die Defensive verpflichtet wurden, die scheinbar ähnliche Anlagen auszeichnen wie ihre Vorgänger. Der Schweizer Auswahlspieler Xhaka ist wegen seiner Größe körperlich ebenso robust wie kopfballstark, kann zudem ein Spiel lesen und Pässe in die Tiefe spielen. Domínguez, der vom Euro-League-Gewinner Atletico Madrid kam, ist ein technisch versierter Innenverteidiger mit einem exzellenten Passspiel. Alleine Luuk de Jong, Torschützenkönig der vergangenen Saison in den Niederlanden stellt einen anderen Stürmertyp als Marco Reus dar. Der holländische Nationalstürmer spielt im Sturmzentrum, kommt über seine Präsenz im Strafraum, ist ein Knipser. Sportdirektor Max Eberl sicherte den Gladbachern so drei der gefragtesten Talente auf dem europäischen Transfermarkt. Dies machte sich natürlich auch auf dem Konto des Europacupteilnehmers bemerkbar. Insgesamt wurden circa 30 Millionen Euro in die Mannschaft investiert.

Lucien Favre musste sich damit zufrieden geben. Eine derartige finanzielle Unterstützung hatte er in Berlin nicht bekommen. Ganz im Gegenteil musste er dort eine Mannschaft trotz Schuldenabbau ins internationale Geschäft führen. In Gladbach aber hoffte der Schweizer, dass die neuen Spieler geradezu prädestiniert seien für sein System. Bisher hingegen wartet er vergeblich auf ihren Durchbruch. In der Qualifikation zur Champions League scheiterte seine Mannschaft an Dynamo Kiew. In der Bundesliga wechseln sich gute Leistungen mit teilweise hohen Auswärtsniederlagen ab. Dabei spielt die Mannschaft kopflos und ergab sich bei den Auswärtsspielen in Dortmund und Bremen schnell in sein Schicksal. Die hohe Anzahl der Gegentreffer entspricht auch nicht dem Favreschen Sicherheitsfußball der letzten Saison, als die Borussia nach dem FC Bayern die zweitbeste Abwehr stellte. Nach zahlreichen individuellen Fehlern waren deswegen auch Xhaka und Domínguez außen vor. Dabei waren sie nicht die einzigen Planstellen, die der Trainer mehrfach auswechselte. Favre experimentierte in Nuancen an seiner Philosophie des Fußballs. Versuchte das Spiel auf die neuen Gegebenheiten anzupassen, ohne Erfolg. Im Moment vertraut Favre daher lieber den Spielern, die letzte Saison noch die Back-Ups waren. Die Routiniers Roel Brouwers und Thorben Marx erfüllen in dem einstudierten Spielsystem die Aufgaben zuverlässiger. In Gladbach geht man also einen Schritt zurück, bevor die neuen Spieler integriert werden. Der erfolgreiche, alte Weg, wird wieder verfolgt.  

In Marseille geht es jetzt darum, dass Überwintern in der Europa-League zu festigen. Vieles wird dann wieder auf die Form von Juan Arango ankommen. Er ist der letzte Mohikaner der überragenden Offensive der letzten Saison. Das Spiel der Gladbacher steht und fällt mit dem schon in letzter Saison überzeugendem Linksfuß. Nach dem Weggang der Gladbacher „Xavis und Messis“ steht der ruhige Venezulaner im Fokus der Öffentlichkeit. Und Lucien Favre erwartet gerade von ihm eine hohe Leistung in jedem Spiel. 

Text: Frederic Zauels

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